Alle Inplayzitate
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Hätte er sie nie im Green Husk aufgesucht, hätte er nicht mit ansehen müssen, wie seine Illusion von ihr Risse bekam, ihre Ecken und Kanten zu bröckeln begannen.
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Viel zu oft waren es nur Erinnerungen gewesen, mit welchen Oswin seinen Hunger gestillt hatte, an Butterscotch Toffees, die er sich mit Corvus teilte, aber selbst der grausige Eintopf des Kindermädchens war plötzlich zu etwas begehrenswertem geworden, als würde er einem Festmahl gleichkommen.
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Jahrelang hatten ihn die Gedanken an seine Heimat am Leben gehalten. Fünf Jahre hatte er nur in dem Wunsch überstanden, nachhause zurückzukehren, noch einmal das Zimmer betreten zu dürfen, welches er sich doch den Großteil seiner Kindheit mit seinem Bruder geteilt hatte.
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Seine Stimme erweckte etwas Ungezähmtes in Velma, das ihn offen einen Idioten schimpfen wollte. Etwas Wildes, das ihn hier liegen und verrecken lassen könnte, wenn sie es nicht unter die Oberfläche verbannte; wie Erinnerungen, die einen beschämten, aufwühlten, aus der Apathie rissen.
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Denn würde Theodores Gesicht nicht ständig in Scheiben auftauchen, ihr aus den freudlosen Mimiken von Fremden entgegen blicken, ihr regelrecht auflauern, und würde sie ihn nicht ebenso unbeholfen wie auch stoisch weiter lieben, könnte sie sich vielleicht besser auf ihre Arbeit konzentrieren. Und somit auch auf das, was ihre Eltern so hoch hielten.
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Ihre eigenen Illusionen trieben sie fort von ihren Pflichten. Ihre Fantasie wollte, dass sie in den Tag hinein träumte, sich in den Schlaf dachte, in die Arme eines Toten.
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Er sah sie, so wie er sie schon tausende Male gesehen hatte: zwischen hunderten Baracken stehend, das gelbe Sommerkleid im verqueren Kontrast zum Schlamm zu ihren Füßen oder selbst vom Schnee und der Winterkälte vollkommen unbeirrt. Er sah sie vor dem Schlafen über ihn wachend, als könnte sie alleine fernhalten, was auch immer auf ihn zukommen würde, ob Traum oder Realität.
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Oswin hatte dem Green Husk den Rücken gekehrt, als wäre es ein weiteres Schlachtfeld, auf welches er nie zurückzukehren gedachte, und das Gewitter hatte auf ihn niedergeschlagen, als würde es ihm dabei helfen wollen, jede Erinnerung an die vergangenen Minuten in der Gartenstube zu vertreiben.
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Fern ab der Heimat, in der Kälte der Kriegswinter, war es leicht gewesen, aus Velma Lamb eine Illusion zu schaffen, die ihm vertraut war und Halt schenkte, wo seine Finger sonst nur starr vor Kälte ins Nichts griffen, doch eine Illusion war nur so lange glaubhaft, wie die Realität unerreichbar war.
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"Mister Cresswell?" Sie bemühte sich. Aber ihre Stimme war trotzdem klein, wie als würden die Hände ihrer Scham sie niederdrücken.
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Für einen Moment war sich Velma nicht sicher, ob die Frau sie durch die Tür lassen würde, aber dann machte sie ihr doch etwas Platz, auch wenn sie ihr einen Blick von oben nach unten schenkte, als erwartete sie, dass Velma Lamb im nächsten Augenblick ihren Rock hob und ihr ihre Unterwäsche zeigte.
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Theo. Immer wäre das was-wäre-wenn Denken, das sie mit ihm in Verbindung brachte, wie ein Knochen, der nicht richtig zusammenwachsen wollte. Auf ewig verwundet.
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Schlimmer als das, flammte Zorn in ihr auf. Oswin Cresswell hätte gar nicht erst zu ihr radeln sollen, nicht in seinem Zustand. Was hatte er sich dabei nur gedacht? Wie konnte man so verbohrt sein und sich weigern, sich den Sanari anzuvertrauen? Nur, weil man Angst vor Morphin hatte? Theo wäre niemals so idiotisch gewesen.
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Die um einen Korb verkrampften Finger fühlten sich klamm und schwer an, denn der aufschwemmende Regen, der die Wiesen unter Wasser gesetzt hatte, hing näher am Zentrum Stellans' weiterhin in der Luft. Als würde er darauf warten, weggeatmet zu werden; getrunken von Lungen, von Haut, von Leibern.
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Er wusste es nicht mehr, er hatte es urplötzlich vergessen - doch der nächste Atemzug legte sich wie Feuer in seine Kehle und alles was ihm entkam war ein verstörendes Röcheln. Da war kein Blut mehr, was er schmeckte, nur noch Verbranntes, ächzende Flammen, die sich durch sein Fleisch gruben, es knistern ließen wie frisches Holz in einem Kamin.
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Der Himmel trug ihn wie auf goldenen, unnachgiebigen Händen, war weiches Blau, welches ihn umhüllte, eine warme Decke, Geborgenheit in einer schieren Unendlichkeit.
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Niemandem außer Theodore hätte sie es erlaubt, sie derart zu durchschauen. Niemand hätte es gewagt. Es verstörte sie, dass die Erinnerungen an Theodore ihre Realität bemalten wie Wasserfarbe, durchs Papier drückend. Dass sie selbst Oswin Cresswells Anwesenheit zu etwas verformten, dem sie sich ausgesetzt fühlte wie ein Tier.
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Und sein honigsanftes Zureden - als wollte er sie besänftigen, als wollte er sie in eine Richtung lenken, die nur er kannte - änderte nichts daran, dass das Zwielicht an ihm klebte wie ein zweiter Schatten.
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Also stand ihre starre, ungeschönte Unsicherheit dem aalglatten Selbstbewusstsein des Mannes gegenüber, ein Ungleichgewicht, das schwer und unausweichlich zwischen ihnen hing.
Er lächelte. Nicht freundlich, nicht einladend. Ein Lächeln, das schimmerte, als könnte Fett oder Öl von seinen Mundwinkeln tropfen. ![]()
Die groben Nähte waren nach Außen gestülpt; der feine Stoff und die kleinen Motive waren verborgen. Von dem lustigen Mädchen mit Wind und Wirbel im Blick blieb nicht viel übrig. Für Wochen schwieg Frances. Sie weinte nicht einmal. Sie verhärtete. So wie eine Muschel sein feines Inneres verschließt, sich zusammenzieht, wenn das Wasser zu rau wird.
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”Miss Lamb”, Velma, hätte er fast gesagt, Velma, Velma, Velma, dieser Name, der ihm in einer gestohlenen Vertrautheit auf der Zunge lag. Es stand ihm nicht zu, sie so zu nennen, geschweige denn im Geheimen ihren Namen auszusprechen, als hätte sie jenen nur für ihn unter jeden ihrer Briefe geschrieben.
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Aber diese Stimme war nicht echt; sie hatte nichts gemeinsam, mit der rauen Realität, gegen welche Velma ihn prallen ließ, die mehr Kreidefelsengestein war, als kühlendes Wasser.
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„Es ist Dämmerstunde. 18:50 Uhr. Die Sonne ist vor etwa einer halben Stunde untergegangen.“ Skeptisch hob er eine Augenbraue. Der Mann sah aus, als würde er ihm in den nächsten Momenten vor den Tresen fallen. „Kann ich Ihnen helfen? Benötigen Sie…“ Sauerstoff? Einen Wegweiser nach draußen, um dort zu Grunde zu gehen? „…Wasser?“, fragte er distanziert, kühl und verschränkte die Arme vor der Brust. Was für ein unnötiges Angebot. Dieser Tage regnete es die Hälfte aller Stunden. Sollte er doch den Kopf in den Nacken legen und den Mund öffnen.
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Normalerweise reicht ein kurzer Blick aus und ich fühle mich durchschaut und gekannt. Jetzt gerade ist er einfach nur ein betrunkener Mann in meiner Küche. Er geht nicht darauf ein, was ich sage. Das ist eigentlich die einzig raphael-typische Sache, die er bisher getan hat.
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”You don’t hate me. You can’t hate me. Not after all I’ve given for you.” Denn er hatte noch nicht einmal davor zurückgeschreckt, sich selbst für sie aufzugeben.
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Auroras Tränen waren der Beweis für sein Scheitern. Ihre Wut, ihr Hass, die pure Unzufriedenheit, welche doch längst Falten in ihre herabgesenkten Mundwinkel gegraben hatte - das alles waren Zeugnisse seines Versagens.
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Zugleich hatte Eliyas direkt seinen Vorgesetzten im Ohr, der vermutlich behauptet hätte, er wäre zu leichtgläubig, zu idealistisch, zu naiv. An schlechten Tagen hätte er ihn vermutlich einen Vollidioten genannt. Vielleicht hätte sein Huhn Eliyas auf den Schreibtisch gekackt. Nun, gut dass Timothy nicht hier war.
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Wut war ein so hässliches Gefühl. Ein beständiges Nagen, ein hungriges Tier, das nie satt wurde, egal, wie oft man es fütterte. Es zerfraß einen von innen heraus, nagte an den Knochen, am Verstand, ließ nichts als brennende Ruinen zurück. Ein glühender, fiebriger Puls unter der Haut, der einen antreiben konnte — oder zerstören.
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”You’ve always been nothing but warmth to me. I never thought of you as cold, never doubted that you were full of love. You’ve always been all heart - giving it so freely to others, as if you never feared what they might do with it… I’ve always envied you for that.”
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Velma ignorierte ihn und schenkte Oswin Cresswell stattdessen einen Blick, als hätte er ihr mit seinen Worten gerade bestätigt, dass er leider Gottes ein Idiot war.
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