Alle Inplayzitate
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Maksim hatte sich so fest daran geklammert, dass Eliyas ihn kannte - dass niemand ihn so gut kannte und verstehen würde, wie Eliyas, dass er doch glatt vergessen hatte, dass die bloße Idee seines Artikels aus dem Zorn heraus entstanden war, ihre Freundschaft und alles, was Eliyas so verehrte, zu zerstören.
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Wenn Maksim seine Schultern straffte, dann war dies nicht der Versuch, sich über anderen zu erheben, sondern Zorn, der sich wieder einmal in ihm aufbäumte.
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Er wollte so gerne wie seine Brüder sein, sehnte sich so sehr nach der Stärke, die sich doch selbst in Agnessa nicht gänzlich verleugnen ließ, aber Maksim war schon immer seinem Temperament unterlegen gewesen, der Wut, die sich nicht nur erblindend über seine Augen legte, sondern ihn auch geradewegs in die Selbstzerstörung trieb.
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Nicht einmal der stärkste Alkohol der gesamten Taschendimension wäre dazu in der Lage gewesen, einem Zusammentreffen ihrer Familie so etwas wie Ungezwungenheit oder gar Wärme zu verleihen.
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Und als Juniper nach seiner Hand griff, sie drückte wie bei einem wortlosen Flehen, auf das ein eindringliches Flüstern folgte, zuckte er nur bedingt. Sah sie an, mit Augen voller Reue, weil er wusste, dass sie das wirklich glaubte. ”Sind sie nicht. Bist du nicht. Ach, June.”
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Aber mit der Offenbarung, dass Nicolò zurückkehrte, kehrte auch eine starke Verunsicherung in dieses Haus, vor allem in dieses Zimmer ein. Geister der Vergangenheit flüsterten zwischen Tapete und Wand entlang, wölbten die Muster; ihm schauderte.
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War es der Tee, dessen Dampf ihm nun in die Nase stieg? Die seichten Töne eines Plattenspielers, die aus dem hinteren Bereich der Bar zu ihnen nach vorne drangen? Das Klimpern von Tassen. Rascheln von Zeitungen, die auseinander gefaltet wurden. Die ersten Tische, die zur Seite geschoben, deren Stühle aufeinander gestapelt wurden. Das alles war so alltäglich, so banal - und doch hätte es ihm nicht verkehrte vorkommen können, hier zu sitzen und einen Löffel Honig in seinen Tee zu rühren.
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Denn ihr hatte er nichts von seinem Leben vor dem Krieg erzählt. Sie hatte nie einen anderen Mann kennenlernen dürfen, als jenen, der sie aus Theodores Herzen gestohlen und für sich beansprucht hatte
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Vielmehr klammerten sie sich in dieser Nervosität an die Erinnerungen, die sie miteinander teilten, dieses kleine Stückchen Vertrautheit, welches sie mit dem des jeweils anderen abzugleichen versuchten, als würden sie Karten oder Fotografien miteinander vergleichen.
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Fast sollte man meinen, dass sie Oswin Cresswell mit vorsichtiger Neugierde betrachtete. Nicht länger nur aus dem Augenwinkel oder wie, als würde sie ihn durch einen Spalt im Vorhang mustern, sondern so normal, wie sie vielleicht Cassius angesehen hätte. Nur ohne das stillschweigende Verständnis, denn dafür kannte sie Oswin Cresswell zu wenig, traute ihm längst nicht so über den Weg wie dem besten Freund ihres Bruders, der durch seine unaufdringliche, aber auch ähnlich verschlossene Art ihr Vertrauen gewonnen hatte. Stattdessen war Oswin Cresswell anzusehen, wie einen unbekannten Wald zu betreten; sie wollte davor zurückscheuen, aber da war sie schon mittendrin.
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Ebenso selten, wie Gemeinsamkeiten zu finden, kam es auch seit einiger Zeit nicht mehr vor, dass Velma so bereitwillig von sich selbst erzählte. Wenn sie mehr als nur einen Schluck von der Russischen Schokolade genommen hätte, wäre dieser Umstand vielleicht dem ungewohnten Schnaps zuzuschreiben gewesen, aber so konnte Velma sich nicht auf solch einer Banalität ausruhen. Stattdessen, und das war viel erschreckender, folgte sie lediglich dem Verlauf des Gespräches, wenn sie nicht sogar von ihm gezogen wurde, sich nur halb dieses Drängens bewusst, das selbst die schwermütigeren Überlegungen vor ihren eigenen Augen versteckte.
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Es war nicht länger unmöglich, sich vorzustellen, dass ihre Wege sich zuvor bereits gekreuzt hatten, ohne dass sie einander einen zweiten Blick geschenkt hatten. Wenn er mit David zur Schule gegangen war, dann vielleicht auch mit Cassius. Wenn er Cassius kannte, dann vielleicht auch ihren Bruder Arvin - kehrte er deshalb immer wieder ins Green Husk zurück? Ging es im Endeffekt gar nicht um sie, sondern war ihm die Teestube lediglich vertraut, so vertraut wie die Person, an die sie ihn erinnerte?
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Es war ihm ein Rätsel, wie er hier sein, mit ihr sprechen konnte, wach, und sich zugleich fühlen konnte, als würde ein Bruchteil von ihm noch immer in einer vollkommen anderen Welt schlummern.
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Er wusste, dass es geschehen war, und trotzdem schmeckten seine Worte nach Lügen, als hätte er sich diese Geschichte soeben erst ausgedacht. Die Vertrautheit in seiner Stimme fühlte sich wie imitiert an, denn er konnte sie nicht spüren, nicht in seinem Herzen, als wäre dort immerzu eine dünne Barriere, welche er nicht durchbrochen bekam. Ein milchiger Schleier, dünn wie Schlaf, den er sich nicht gänzlich aus den Knochen schütteln konnte.
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Velma versuchte sich vorzustellen, wie dieser Mann tanzte; es war nicht schwer, ihn sich auf diese Art vorzustellen, und sie neidete es ihm nicht, auch wenn sie versuchte, sich dagegen zu wappnen. Wie eben auch gegen sein natürliches Selbstbewusstsein, die laissez-faire Attitüde, die von der Art unterstrichen wurde, wie er seine Zigarette rauchte oder über eine alte Freundschaft sprach. Sie versuchte ihn zu analysieren, ohne ihm näher zu kommen, ohne das Fenster zu öffnen; das war Velma, wie sie leibte und lebte.
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Vielmehr ließ sie ihren Blick nun über die Tische wandern, den gebohnerten Boden, der tatsächlich Spuren im Holz aufwies, wie von vielen Schuhsohlen, von Hacken, die mit der Zeit dem Holz seine Frische genommen hatten. Sie sah es vor dem eigenen Auge - an die Seite geschobene Tische, tanzende Paare, schwungvolle Musik. Sie konnte es sich ausmalen, wie eine Szene aus einem Buch, die sie tausendmal gelesen aber niemals selbst erlebt hatte.
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In ihrer Kehle blubberte ein vorsichtiges Lachen, aber es kam nicht ganz heraus, ging auf halbem Weg der Übersetzung verloren, wie als würde es mit Sprachlosigkeit geschlagen werden.
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Sie wartete die ganze Zeit darauf, dass er dieses Bild zerstörte. Oder darauf, dass Theodore durch es hindurch spazierte und das Vermissen in ihr schmerzen ließ, heiß und heftig, wie als hätte man ein Brandeisen auf die niemals heilende Wunde ihrer ersten Verliebtheit gelegt. Aber Theodore blieb still. Velma betrachtete erst das Draußen, dann Oswin Cresswells Spiegelung in dem Fenster, das Draußen und Drinnen ebenso sehr miteinander verband wie ihre und seine Erinnerung.
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Wie zwei Sammler, verglichen sie ihre Erinnerungen vom Fensterausschnitt miteinander, bis sich die Bilder wie zwei Negative aus unterschiedlichen Zeiten übereinander legten und etwas vollkommen Neues ergaben. Eine Art kurioses Mischbild, in dem sich Velmas Gedanken verlieren wollten.
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Als Oswin Cresswell ihr die Jacke als Schutz über den Kopf hielt, war sie sowohl erstaunt als auch dass sie es wie selbstverständlich annahm. Es ließ sich nicht leugnen, dass selbst Velma, die die Existenz einer ganzen Welt für sich behalten würde, sich der Fürsorge empfänglich zeigte. Sie sprach weder ihm noch sich selbst das recht ab, dass sich dieser altbekannte, vertraute Moment abspielte, wie er sich zwischen Klassenkameraden oder Kollegen oder auch Geliebten hätte abspielen können. Nur kurz zog sich Velmas Herz beim letzten zusammen - eine verwirrte, rasche Rührung. Dann ließ sie sich von Oswin Cresswell einladen, nickte lediglich verhalten.
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Zwischen ihr und Nicolò war nicht nur eine Mauer. Es war mehr als das. Ein Graben, tief und breit, gefüllt mit blutigem Wasser, gefährlichen Wesen und Spießen, die einem das Herz aus der Brust reisen würden, wenn man nicht aufpasste und ins unergründliche Dunkel des Wassers stolperte.
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Aber Oswin Cresswell war kein guter Mann, er war längst zu einem Feigling verkommen, ein Feigling und ein Dieb und ein Lügner, wenn er behauptet hätte, er hätte alles dafür gegeben, Theodore zu Velma zurückzubringen. Alles, nur nicht sein eigenes, erstohlenes Überleben.
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Der Applaus, der immer noch in meinen Ohren klingt, ist wie ein Rasseln, nur gelegentlich durchzogen von unterschiedlichen Stimmfarben, die sich schon längst nicht mehr den Raum mit mir teilen und langsam verblassen, ohne gänzlich zu verschwinden. Wie feine Nebelschwaden kriechen sie durch meinen Verstand und verknüpfen sich mit den Mündern, aus denen sie ursprünglich gekrochen sind.
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Sie wusste nicht, was sie sonst sagen sollte. Hilflos wie vor der Brandung, so stand sie Oswin Cresswell gegenüber. An wen auch immer sie ihn erinnerte, sie war sich sicher, dass es keine gute Sache war. Dass es schmerzte, wie sein Anblick auch sie schmerzte - wobei sie langsam feststellte, dass es leichter war, ihm ins Gesicht zu sehen, als ihn aus dem Augenwinkel zu betrachten oder mit entspannten Augen, wenn die Unschärfe das Kommando übernahm. Denn in letzterem lauerte stets Theodore wie ein Phantom, das von jeder Silhouette Besitz ergriff.
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Weil er sie mit jemandem verglich, den er offensichtlich vermisste - ein Leiden, das sie im Grunde nachvollziehen konnte und das sie doch nicht mit der Welt teilen wollte. Sie wollte das Gefühl für sich; sie wollte es nicht in Fremden suchen oder auch nur zufällig finden. Sie wollte nichts mit Oswin Cresswell gemeinsam haben, nichts mit einem Soldaten, einem Piloten, der überlebt hatte, während ihr Verlobter gestorben war. Sie wollte ihm fremd bleiben, aber er hatte mit seinen Worten eine Distanz überwunden und konfrontierte sie nun mit ihrer eigenen Lächerlichkeit.
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Sie starrte Mister Cresswell wie betäubt an, doch erst mit der Zeit tropfte Zwiespalt in ihre Mimik. Skepsis hatte die Eigenschaft, selbst dem kindlichsten Erstaunen die Hände um den Hals zu legen, es aus dem Körper zu pressen. Mit der Skepsis kam auch die Scham.
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Ihr Kinn zuckte, auf ihrem Gesicht breitete sich ein feiner Film der Benommenheit aus, während ihre Iris sichtbar wurde - stürmisch und tief, wie das Wasser nah an der Küste, an der sie aufgewachsen war.
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Um nicht in einem Imperium der Ungewissheit verweilen zu müssen, war sie es, die mit ihren Worten eine Tür öffnete. Ebenso barsch, wie sie einem ungebetenen Gast begegnet wäre - aber sie riss sie dennoch auf, ließ sich von dem kühlen, hereinplatzenden Wind das Gesicht röten. In keinster Weise war Velma furchtlos, auch wenn ihre sonst so ruhige, gediegene Art diesen Eindruck erwecken konnte. Im Inneren barg sie eine unerträgliche Verunsicherung, wie einen Strudel, der sie gnadenlos in die Tiefe zöge, würde sie nicht konstant um ihr Leben strampeln. Die Wahrheit war, dass sie immer schwächer wurde aber nicht genug Atem besaß, um ihre Stimme zu benutzen, um nach Hilfe zu suchen.
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Mit der einzigen Ausnahme, dass Oswin Cresswell bereits mit seinem Verhalten erfolgreiche Risse in Velmas Fassade gerissen hatte. Er verstand sie zu erzürnen und ins Schwanken zu bringen, wie als würde er niemals mit einer anderen Intention in die Teestube ihrer Familie kommen, als um sie gegen sich aufzuwiegeln.
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Der Name des Mannes, der doch an seiner Stelle hätte hier sein sollen, war ihm längst in die Innenseiten der Wangen eingraviert und nur für den Bruchteil eines Atemzuges wollte Oswin ihr alles offenbaren, ihr die Gänze seiner Schuld vor Augen führen, die Anmaßung, mit welcher er sich ihrer Briefe und der Liebe, welche Theodore für sie empfand, bemächtigt hatte.
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